WER HAT, DEM WIRD: 10% MEHR MILLIONÄRE AUF DER WELT. VIELE GRÜNDE – EINE LÖSUNG

Auch der World Wealth Report 2018 bestätigt, was man alle Jahre wieder liest: Die Reichen werden immer reicher. Die FAZ fasst zusammen:

Das Vermögen der Millionäre in aller Welt hat in den vergangenen zwölf Monaten zum ersten Mal in der Geschichte die Grenze von 70 Billionen Dollar überschritten. Dabei stieg die Zahl der Millionäre um 9,5 Prozent auf 18,1 Millionen. Deutschland liegt dabei mit 1,4 Millionen Millionären (plus 7 Prozent) global auf Platz 3 hinter den Vereinigten Staaten (5,3 Millionen) und Japan (3,2 Millionen). Allerdings holt China mit 1,26 Millionen (plus 11 Prozent) auf und könnte Deutschland möglicherweise im übernächsten Jahr überholen.

Dieser Trend gilt noch mehr auf die Superreichen zu:

Auch innerhalb der Gruppe der Millionäre gibt es der Studie zufolge noch mal erhebliche Unterschiede. Die ganz Reichen konnten ihr Vermögen stärker mehren als die „Millionäre von nebenan“, wie Capgemini etwas flapsig die Menschen mit einem verfügbaren Vermögen von 1 bis 3 Millionen Dollar nennt. Diese unterste Millionärs-Kategorie steigerte ihr Vermögen in den vergangenen zwölf Monaten um 9,5 Prozent. Die mittlere Gruppe (5 bis 30 Millionen Dollar) erhöhte ihr Vermögen immerhin um 10,5 Prozent. Und die oberste Gruppe (30 Millionen Dollar und mehr) legte sogar um 12 Prozent zu.

WER HAT, DEM WIRD. WARUM?

Wie das alte Sprichwort sagt: Wer hat, dem wird. Wer mehr hat, dem wird mehr, und wer am meisten hat, legt auch am meisten zu. Warum?

Immobilien waren laut der Studie die einzige Anlageklasse, die einen signifikanten Anstieg gegenüber 2017 aufwies. Die Hälfte der Immobilien-Investments waren Wohnimmobilien. Wer aus eigener Erfahrung die Wohnungssuche in einer attraktiven Stadt kennt oder zumindest die Nachrichten verfolgt, weiß, wie dort laufend die Preise steigen. München zählt zu den Städten mit den höchsten Steigerungsraten:

Die Mieten sind dort inzwischen um fast zwei Drittel teurer als 2006 – im Durchschnitt! Das heißt, in begehrten Vierteln sind die Mieten noch deutlich mehr gestiegen, sind für viele Menschen unerschwinglich, und manche Stadtteile werden zu einem Reservat für die „gentry„, den modernen (Geld)adel – daher die Bezeichnung gentrification / Gentrifizierung.

Kein Wunder, dass Wohnimmobilien damit zu einem überaus attraktiven Anlageobjekt werden. Wer sein Geld vermehren will und genügend Bares hat, kauft eine Wohnung und vermietet sie. Was für die Wohnungsuchenden eine Steigerung der Mietpreise ist, ist für die Investoren Rendite. Aus Geld wird mehr Geld. Wer mehr Geld hat, kann mehr Geld investieren und mehr Rendite lukrieren.

DAS HAT NICHT NUR SYSTEM, DAS IST EIN SYSTEM

Diese Dynamik kann man grafisch darstellen. Ein solches „Systemdiagramm“erzählt bildhaft eine „Geschichte“, in diesem Fall die oben beschriebene Entwicklung: Je mehr Vermögen jemand hat, desto mehr kann er veranlagen und Renditen lukrieren, desto größer wird das Vermögen.

Eine solche Kreis-Dynamik nennt man „System“. In diesem Fall ist es ein selbstverstärkendes System. Jeder kennt es von Rückkopplungen auf einer Konzertbühne: Der Musiker ist mit dem Mikro zu nahe am Lautsprecher, der erste Ton kommt verstärkt dort heraus, wird vom Mikro wieder aufgefangen, zurück zum Lautsprecher geleitet und neuerlich verstärkt, kommt noch viel lauter wieder beim Mikro an… – und in, zwei Sekunden hat man ein ohrenbetäubendes Pfeifen. Das Prinzip jeder selbstverstärkenden Rückkopplung: JE MEHR, DESTO MEHR. (Es gibt auch sog. ausgleichende Rückkopplungen / Systeme: Je mehr, desto weniger. Je mehr man isst, desto kleiner wird der Hunger. Je mehr Regenwald man abholzt, desto geringer wird die Sauerstoffproduktion. Usw.)

Aus der Grafik geht anschaulich hervor, warum es systemisch gar nicht anders sein kann als dass die Reichen immer reicher werden. (Das mag öfters auch persönliche Gründe haben, die z.B. im Charakter dieser Leute liegen – wer den Film Wolf of Wall Street gesehen hat, weiß, wovon ich rede –, muss es aber nicht.) Und das Systemdiagramm illustriert auch, warum Kinder, die „mit einem goldenen Löffel im Mund“ geboren sind von Generation zu Generation immer bessere Bildungs- und Einkommens-Chancen haben. Wer hat, dem wird; und wo schon mehr geworden ist, kann daraus noch mehr werden.

Diese Systemdynamik steht freilich so isoliert auf einer Tabula rasa, wie es auf der Zeichnung den Eindruck erweckt. Vielmehr löst sie eine weitere aus: Investitionen werden dort getätigt, wo die höchsten Renditen herausschauen. Wenn das Immobilien sind, wird in Immobilien investiert (Renditen von 5% und mehr), und von den Immobilien nicht in jene, die am dringendsten gebraucht würden, sondern in die profitabelsten. Je mehr, desto mehr.

Wer hat, dem wird auch bei den Banken: Normalverdiener kommen an keine Wohnungseigentums-Kredite weil die Vergaberichtlinien nach der Finanzkrise noch mehr verschärft wurden. Anlegern hingegen rollen die Banken für Kredite den roten Teppich aus. Die Renditen liegen weit über dem Zinsniveau, also rentiert es sich, die laufenden Einnahmen z.B. aus vermieteten Wohnungen gleich wieder in neue Wohnungen zu investieren, d.h. die entsprechenden Kredite damit abzuzahlen. Das macht wie von Zauberhand nach 20 Jahren aus einer Immobilie zwei. Und so weiter und so fort. Je mehr, desto mehr. Wer hat, dem wird.

Im großen System ist es dieselbe Dynamik: Wenn auf den Finanzmärkten durch solche Spekulationen höhere Renditen zu lukrieren sind als durch Investitionen in die Realwirtschaft, wird dieser das Investitionskapital entzogen (wodurch dringend benötigte Unternehmenskredite teurer werden) und fließt in die Finanzmärkte – um noch mehr Renditen zu generieren, die dort reïnvestiert werden, um noch mehr Renditen zu genieren, die…… Endergebnis: von Jahr zu Jahr 10% mehr Millionäre.

Vergleicht man diese ganze systemische Entwicklung mit den Maßnahmen, die die Politik gegen sie ergriffen hat, liegt auf der Hand, dass diese bislang bloß symptomatisch gewesen sind: Sie haben bestenfalls an den Symptomen ein bisschen herumgedoktert, meist nicht einmal das. Ich erinnere mich noch, wie mich mein Vater Anfang der 80er Jahre empört aufmerksam machte, wie vehement die Politik im Verein mit den Banken gepusht hat, dass die Leute ihre Ersparnisse nicht mehr auf Sparbüchern horten sollten, sondern investieren. Mit anderen Worten, jahrzehntelang schon wird auch in Europa das Privatkapital in die Finanzmärkte gedrückt, damit es „arbeitet“. Wir haben gesehen, was hier „arbeiten“ heißt.

Wenn inzwischen Politiker alle paar Jahre einen Anlauf machen, um diese Dynamik durch eine Finanztransaktionssteuer von 0,01% (!) auf Hochfrequenzhandel minimal zu bremsen, dann gibt es immer wieder Regierungen, die die Interessen der Steuerzahler an die Investoren verkaufen (wie zuletzt Großbritannien) und Beschlüsse verhindern. Geld bedeutet bekanntlich auch Macht. Wie die SZ berichtete, ließ die deutsche Bundesregierung just eine der heikelsten Passagen aus der publizierten Fassung des 5. Armuts- und Reichtumsberichts streichen, wonach die Reichen auch politisch mehr Einfluss haben als Normalbürger:

„Die Wahrscheinlichkeit für eine Politikveränderung ist wesentlich höher, wenn diese Politikveränderung von einer großen Anzahl von Menschen mit höherem Einkommen unterstützt wird.“

Je mehr Geld, desto mehr Macht – bis zu Konzernen, die Regierungen wie am Nasenring dorthin führen, wo sie sie haben wollen (vgl. diese Auflistung bei lobbycontrol.de). Spätestens hier ist Schluss mit lustig. Wenn die GeldMacht mehr politischen Einfluss hat als normale Bürger, höhlt das die Demokratie aus, die auf dem Gleichheitsgrundsatz basiert. Und es höhlt die Legitimität der Politiker aus, die nichts dagegen unternehmen, sondern einen unentwirrbaren Filz mit der GeldMacht bilden (Stichwort VW).

DAS SYSTEM IST DAS PROBLEM – ERGO KANN AUCH DIE LÖSUNG NUR IN EINER SYSTEMÄNDERUNG LIEGEN.

Es ist logisch eindeutig: Wenn das Grundproblem ein selbstverstärkendes System ist, kann auch eine grundlegende Lösung nur in einer Systemänderung liegen. Und damit will ich nicht suggerieren, das dysfunktionale kapitalistische System durch das noch weit dysfunktionalere sozialistische zu ersetzen, weder als ganzes noch stückchenweise. Ich meine Systemänderung so wörtlich wie im bisherigen Teil dieses Textes: das System mit der größtmöglichen Hebelwirkung zu beeinflussen. Donella Meadows, die das in ihrem vermächtnishaften Buch Thinking in Systems (dt: Grenzen des Denkens) grundlegend dargestellt hat, zeigt 12 Hebelpunkte auf (sie sind in diesem Blog prägnant umrissen). Die machtvollste Hebelwirkung geht von der Änderung der System-Ziele, Zwecke und Funktionen aus, sowie von einer Veränderung der Grundüberzeugungen und -werte (Paradigmen), die das System entstehen haben lassen und am Laufen halten. In vielen Bereichen (Klimaerwärmung…) ist die Situation zu kritisch, als dass die Gesellschaft darauf warten dürfte, dass die bisherigen Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft von sich aus zur Einsicht kommen. Das System GeldMacht hat ein zu großes Trägheitsmoment, und diejenigen, die ihm ihre GeldMacht verdanken werden die Letzten sein, die es verändern – womit sich die Katze wieder systemisch in den Schwanz beißt.

Nein, so viel Zeit haben wir nicht. Ich habe in meinem vorhergehenden Blog-Beitrag dargestellt, wo der Schlüssel für die dringend notwendigen Veränderungen liegt: Wir müssen den bisherigen Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft das Pouvoir entziehen, die System-Ziele, -Zwecke und -Funktionen zu definieren. Diese grundlegenden Vorgaben müssen von uns, den Betroffenen basisdemokratisch beschlossen und den geeignetsten Personen zur Umsetzung übertragen werden. (Genaueres möge bitte dort nachgelesen werden.) So viel Hausverstand ist von jedem mündigen Bürger zu erwarten, dass er als Grund-Paradigma erkennt, dass die Menschheit und die Erde langfristig weiter existieren müssen, und dass hieran alle konkreteren Ziele auszurichten sind. Alle Systemänderungen, die die Einsichtigen von uns seit Jahrzehnten fordern sind damit in unmittelbarer Reichweite. Es ist allerhöchste Zeit. Gehen wir es an!


BITTE TEILEN. DANKE.

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