CORONA: DER SIEG DER SOLIDARITÄT ÜBER DEN EGOISMUS

 

 

Wieso braucht es immer einen Krieg, eine Flüchtlingskrise oder nun die Corona-Pandemie, damit den Menschen bewusst wird: IHR HEIL LIEGT NICHT IM EGOISMUS!

 

 

Von Anfang 2015 bis 2017 habe ich an FGB gearbeitet, von 2017 bis 2019 an dessen komprimierter Fassung, meinem Manifest. Fünf Jahre lang also war eine meiner Hauptschwierigkeiten dabei, überzeugend klarzustellen, dass nicht der Egoismus den Menschen ausmacht, sondern Solidarität, oder mit dem klassischen Begriff: Brüderlichkeit. Zu überwältigend waren tagein, tagaus die unzähligen demoralisierenden Beispiele für das Gegenteil. Egomanie, Zynismus, rücksichtslose destruktive Gier nach Geld und Macht, egal wohin man schaute. Wie sollte man da nicht an der Menschheit verzweifeln? Wie sollte man angesichts dieser erdrückenden Evidenz irgendwen davon überzeugen können, dass eigentlich in jedem Menschen ein Urbedürfnis nach Solidarität lebt?! Das ohne echte Evidenz zu „beweisen“ war bislang mehr als schwierig. Man musste sich schon auf „sicheres Terrain“ zurückziehen, auf das halbwegs nachvollziehbare Minimum: handwerkliche Spezialisierung und Arbeitsteilung (die „skelettierte“ Form von Solidarität) und Kooperation (auch sie muss nicht zwangsläufig auf Empathie und Sozialität beruhen).

Dann kam Corona. Und innerhalb von ein paar Wochen hatte die Menschheit den Gegenbeweis geliefert, allen früheren Überzeugungen zum Hohn. Auf der ganzen Welt explodierten die spontanen Akte der Hilfsbereitschaft, die Empathie, die Rücksichtnahme… Die paar Vollidioten, die überall tatsächlich weiterhin demonstrativ ihrem egoistischen Hedonismus frönten entpuppten sich als eine kleine – wenngleich hoch gefährliche – Minderheit. Innerhalb einiger Wochen schnellte auch im Internet die Häufigkeit des Begriffs „Solidarität“ mehr als exponentiell nach oben:

 

(Stand 25.3.2020; Link zur laufend aktualisierten Statistik der letzten drei Monate hier.)

Innerhalb einiger Wochen war alles, was die Egomanen seit jeher als „die Realität“ über das menschliche Wesen verkauft hatten – und das ist durchaus wörtlich gemeint – als Negativ-Illusion entlarvt. „Jeder ist sich selbst der Nächste“?! Von wegen!

Denn die Realität ist: Der Mensch ist ein Sozialwesen, das vom Säuglingsalter an überhaupt nur mithilfe seiner nächsten Mitmenschen überlebt. Er ist ein Sozialwesen, das nur mit anderen und durch andere ein menschenwürdiges Leben führen kann. Er ist ein Sozialwesen, das ohne Sozialkontakte emotional verkümmert. Kommunikation und Mitteilung ist ein Krug, der sich im Ausgießen füllt. Physisch, emotional und geistig in eine menschliche Gemeinschaft eingebettet zu sein ist dem Menschen ein elementares Bedürfnis – eines seiner drei gesellschaftlichen Grundbedürfnisse.

Das ohne echte Evidenz zu „beweisen“ war mehr als schwierig. Darum war ich in allen meinen Texten vorsichtig und zog mich auf „sicheres Terrain“ zurück, auf das halbwegs nachvollziehbare Minimum: handwerkliche Spezialisierung und Arbeitsteilung (die „skelettierte“ Form von Solidarität) und Kooperation (auch sie muss nicht zwangsläufig auf Empathie und Sozialität beruhen). Und ich beschrieb gesellschaftliche Strukturen und Abläufe, die nicht auf  die – immer freiwillige! – Solidarität angewiesen sind, sie nicht utopisch voraussetzen, sondern sie systemisch entwickeln: 

„Im Zuge der Industrialisierung und Mechanisierung haben die Verursacher der ökosozialen Misere jene Menschen, Tiere, Naturgebiete…, die für ihren Konsum die Zeche zahlen müssen immer weiter von sich weggerückt – in Drittwelt- und Schwellenländer, in autoritäre Systeme wie China… Wenn sich die Folgen unserer Handlungen aber zu weit von unserem Erlebnishorizont entfernen, nehmen wir sie nicht mehr wahr. Unser Verantwortungsgefühl geht mit wachsender Entfernung gegen Null: „Distance negates responsibility” (Guy Davenport). Gesamtwohl-Preisbildungsprozesse heben diese Distanz auf. Die Betroffenen sitzen alle – jedenfalls repräsentiert – am selben Tisch. Die Auswirkungen meiner Entscheidungen auf andere werden mir zu einem hautnahen, eindringlichen Erlebnis. Dadurch werden diese Prozesse nicht nur zu guten Preisen führen. Sie werden auch soziale Gefühle und soziales Verständnis entstehen lassen. Das Ringen um Kompromisse bedeutet, dass sich die Beteiligten geistig und emotional für die Bedürfnisse der anderen Menschen und unseres Planeten öffnen. Was sie dabei erleben, verändert sie. Es erweitert ihren intellektuellen und emotionalen Horizont. Sie beginnen, die Dinge mit den Augen und Herzen der andern zu sehen, deren Bedürfnisse nachzuempfinden, wichtig zu nehmen und den größtmöglichen Gesamtnutzen zur Leitlinie ihrer Entscheidungen zu machen. Ein Konsens ist nur möglich, wenn die Beteiligten sich auf solche Prozesse einlassen. Verschließen sie sich davor, dann scheitert der Prozess unweigerlich. Die Ego-Impulse schleifen sich in kooperativen Prozessen gegenseitig ab, neutralisieren und verwandeln sich in Solidarität. Inklusive Märkte sind eine Schule unmittelbarer, realer Brüderlichkeit.“

(Zitat aus Freiheit! Gleichheit! Brüderlichkeit! Die soziale rEvolution im 21. Jahrhundert; ich arbeite gerade an der Fertigstellung)

DER TATSACHENBEWEIS: DER MENSCH VERHÄLT SICH SOLIDARISCH

Nun aber bedarf es keiner Beweisführung und keiner angestrengten Argumentationen mehr; die Corona-Krise hat den Tatsachenbeweis geliefert: 

Je größer die Not, desto größer die Solidarität.

Steven Taylor, ein klinischer Psychologe an der University of British Columbia, Autor von The Psychology of Pandemics (2019), wird dieser Tage oft zitiert:

„Ausschreitungen und schlechtes Verhalten bei früheren Pandemien waren relativ selten – es kam vor, es gab Ausbrüche, aber die Hauptreaktion war eine Reaktion der Ordnung, des Zusammenkommens der Menschen, der Solidarität, der gegenseitigen Hilfe und des Bestrebens, als Gemeinschaft damit umzugehen.“ (AFP)

In einem Wort: die Hauptreaktion war Brüderlichkeit. Die Menschen sind sich dieses ihres sozialen Grundimpulses nicht bewusst, so lange sie gut alleine zurechtkommen. Da lassen sie sich sogar das Gegenteil einreden und glauben felsenfest daran. Aber wenn sie in Not geraten – durch einen Krieg, durch eine Seuche oder was auch immer –, reagieren sie gerade nicht egoistisch, sondern altruistisch, solidarisch, brüderlich. Je größer die Not, desto größer die Solidarität.

Das ist auch erklärlich. Wie Barbara Prainsack und Alena Buyx gezeigt haben, gibt es einen entscheidenden Faktor für solidarisches Verhalten: Gemeinsamkeiten. Sie definieren Solidarität deshalb als

„ein ausgeführtes Engagement, die ‚Kosten‘ zu tragen (finanzielle, soziale, emotionale oder anderweitige), um andere zu unterstützen, mit denen eine Person oder Personen eine Ähnlichkeit in einer relevanten Hinsicht erkennen. […] Solidarität gilt für Praktiken, bei denen Gemeinsamkeiten zwischen Menschen und nicht Unterschiede der entscheidende Auslöser für Handlungen sind. Sie mögen in vielerlei Hinsicht sehr unterschiedlich sein, aber in Bezug auf ihre spezifische solidarische Praxis handeln sie aufgrund ihrer Ähnlichkeiten.“ (Prainsack/Buyx, Solidarity in Biomedicine and Beyond)

Je mehr Gemeinsamkeiten, desto größer die Bereitschaft der Menschen, ihren Eigennutzen zum Wohle anderer hintanzustellen und sich solidarisch – oder, mit dem historischen Begriff gesprochen: brüderlich zu verhalten. Die Not durch Kriege und Pandemien offenbart uns unsere fundamentale Gemeinsamkeit: dass wir alle Menschen sind und leben wollen. Und die natürliche Reaktion darauf ist das Gefühl, miteinander verbunden zu sein und im selben Boot zu sitzen.

„Der Schlüssel zur Solidarität […] besteht darin, dass Menschen Solidarität mit anderen Menschen praktizieren, mit denen sie sich in gewisser Weise verbunden fühlen.“ (ebd.)

Wo WIR empfunden wird, wird auch WIR getan. 

BRÜDERLICHKEIT. IST. FAKT. PUNKT.

Brüderlichkeit ist also kein illusionäres Wunschdenken, sie ist Fakt. Zugegeben, sie steckt meist noch in den Kinderschuhen. Und sicher; es gibt immer wieder Rückschläge für die zwischenmenschliche, gruppenmäßige, nationale und internationale Solidarität. Aber Ereignisse wie die spontane Hilfsbereitschaft zahlloser Menschen während der „Flüchtlingskrise“ und nun das solidarische Verhalten während der COVID-19-Pandemie legen davon Zeugnis ab, dass Brüderlichkeit real lebt.

Bis die Menschheit den Egoismus überwunden hat, muss mit ihm gerechnet werden – also noch sehr lange Zeit. Der Mensch kann sich sowohl solidarisch als auch unsolidarisch verhalten – das ist der Ausgangspunkt. Doch er ist eben nicht nur am Eigennutzen interessiert. Wenn er genügend relevante Gemeinsamkeiten mit anderen empfindet, und insbesondere in Krisenzeiten ist er zu spontaner Solidarität bereit, auch wenn es finanzielle, soziale, emotionale oder anderweitige „Kosten“ mit sich bringt. Er stellt dann im Interesse anderer oder des größeren Ganzen sein Eigeninteresse zurück – weil er im Grunde seines Wesens sozial ist, solidarisch, brüderlich.

In Anbetracht der Corona-Pandemie gilt es nicht nur von ihren Opfern zu sprechen, sondern auch von den „Errungenschaften“, die man ohne sie nicht erlangt hätte. Manche Einsichten bedürfen einer Krise, die uns den Kopf zurechtrückt. Kein Wandel ohne Krise; keine Krise ohne Wandel. Zu den bleibenden Haupt-Errungenschaften dieser Krise wird die Einsicht zählen, dass der Mensch im Kern ein solidarisch-brüderliches Wesen ist. Das kann der Beginn des Wandels sein.

Kann. Denn wenn die gesellschaftlichen, insbesondere die wirtschaftlichen Strukturen weiterhin auf Eigennutzenkalkülen gebaut und ausgerichtet sind, „belohnen“, bestätigen und verstärken sie auch eigennütziges Verhalten, was wiederum die Wirtschaftsstrukturen befestigt. Struktureller Egoismus verstärkt individuellen Egoismus verstärkt strukturellen Egoismus. Das ist der Eigennutzen-Teufelskreislauf, den wir zur Genüge kennen.

Die vollmundige Forderung einer Reihe europäischer Staaten, dass der wirtschaftliche Wiederaufbau auf grüner Technologie und Nachhaltigkeit beruhen“ solle, auf Grundlage des „Green Deal“ genannten Klimaplans der EU-Kommission: diese Forderung wird sich deshalb an strukturellen Veränderungen messen lassen müssen. Die derzeitige gesellschaftliche Solidarität wird ohne solche Strukturänderungen genauso erlahmen wie nach der Flüchtlingskrise. Man kann seine Brüderlichkeit nicht endlos gegen strukturelle Gegenkräfte aufrecht erhalten. Dieser Altruismus erlahmt früher oder später, aber nicht weil er nur eine vorübergehende idealistische Anwandlung wäre, sondern weil die gigantische Übermacht der jahrhundertelang gewachsenen Strukturen und Gewohnheiten erdrückend ist. Die Corona-Krise hat sie jetzt kurz ausgehebelt – und schon schießt allerorts die Hoffnung auf, es könnte sich doch jetzt endlich etwas zum Besseren ändern. Das absolut Undenkbare – es ist von einem Tag auf den andern Wirklichkeit. Zugegeben, das Ruder kann und darf nicht in so einem Gewaltakt herumgerissen werden wie die Corona-Krise ihn derzeit erzwingt – um den Preis eines wirtschaftlichen Totalstillstands, einer folgenden Rezession und Inflation. Wie die Welt diese Folgen bewältigen wird, wird sich zeigen. Aber dass diese Krise mit einem Donnerschlag alle „unüberwindlichen“ Hindernisse hinwegfegt und das Unvorstellbare plötzlich real ist: das beweist, dass ein Wandel möglich ist. Die einzige Frage ist, wie man ihn so gestaltet, dass niemand unter die Räder kommt.

„Wo kämen wir hin,

wenn alle sagten,

wo kämen wir hin,

und niemand ginge,

um einmal zu schauen,

wohin man käme,

wenn man ginge.”


Editiert am 14.4.2020.

NB: Man sieht inzwischen in der aktuellen Version der obigen Kurve, wie das Interesse am Thema „Solidarität“ bereits erlahmt… Q.e.d.

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